Kritik an ECs und Information zu freien Wahlfächern

2009-11-13 13:00:00, ms

Protokoll vom 11.11.

Grundlegende Forderung:


Freie Wahlfächer statt Erweiterungscurricula

 

-          Fest vorgeschriebene Erweiterungscurricula verhindern ein individuelles interessenbezogenes Studium

 

-          Inflexibilität der Erweiterungscurricula bewirkt eine größere Anfälligkeit für zeitliche Überschneidungen der Lehrveranstaltungen und dadurch Verzögerung des Studiums

 

-          Durch vorgeschriebene Erweiterungscurricula wird die Notwendigkeit der selbstbestimmten Spezialisierung für den weiteren Studienverlauf und Bildungsweg übergangen.

 

-          Freie Wahlfächer ermöglichen Austausch zwischen verschiedenen Universitäten und Bildungseinrichtungen im In- und Ausland

 

-          Mit den Erweiterungscurricula werden Gruppen von AbsolventInnen produziert, welche identische Ausbildungen haben.

 

 

Deshalb sollten Lehrveranstaltungen individuell wählbar/zusammenstellbar sein. Die Spezialisierung kristallisiert sich im Verlauf des Studiums heraus. Erst durch das Studium werden persönliche Fähigkeiten und thematische Vorlieben aber auch die eigene Positionierung innerhalb des Faches erkennbar.

Deshalb sollte die Möglichkeit geboten werden, von Beginn an verschiedene Lehrveranstaltungen nach Wahl besuchen zu können, um sich zu orientieren. Wesentlich ist, dass die besuchten, selbst und frei gewählten, Lehrveranstaltungen angerechnet werden können.

 

Die derzeitigen Erweiterungscurricula verhindern diese Wahlmöglichkeit und fördern dadurch vielleicht sogar vermehrtes Abbrechen von Studien oder zumindest von Erweiterungscurricula. Mehrere Erweiterungscurricula werden ausprobiert und abgebrochen. Das bedeutet, dass das bestehende EC-System hinsichtlich seines vorgegebenen Zieles nicht - dem raschen Studienabschluss - effektiv ausgestaltet ist.

 

Eventuell könnte im Gesamtcurriculum auch mehr Raum für freie Wahlfächer (in Form von zusätzlichen ECTS Punkten) gegeben werden. Die Studieneingangsphase könnte stattdessen gekürzt werden um im Hinblick auf die Gesamtpunktezahl von 180 ECTS Ausgleich zu schaffen.

 

 

 


Auflistung konkreter Kritikpunkte:

 

1.      Die derzeitigen EC bedeuten eine generelle Einschränkung der individuellen Wahlmöglichkeit, („Das derzeitige Angebot umfasst Erweiterungscurricula, die auf den Erwerb zusätzlicher Kompetenzen im Sinne von „employability“ abzielen (z.B. in Themenfeldern wie Recht, Wirtschaft, Kommunikation, Neue Medien, Informatik, Psychologie, etc.“, Zitat der Uni Wien: http://studieren.univie.ac.at/index.php?id=2678, 2009). Die Studierenden werden thematisch und regional eingeschränkt.

 

2.      Es ist zudem nur ein kleiner Teil der Institute der Universität mit Erweiterungscurricula vertreten vertreten. Das heißt, die Möglichkeit zur individuellen Spezialisierung durch die Absolvierung von EC ist gegenüber den früheren Wahlfächern stark reduziert. Dies hängt vor allem mit einer chronischen Unterfinanzierung verschiedenster Institute (z.B. Internationale Entwicklung – wir können zwar ein Modul Anthropologie und Entwicklungszusammenarbeit absolvieren, aber keine Lehrveranstaltungen an der Internationalen Entwicklung?) zusammen. Die beschränkte Auswahl ist eine Einschränkung der individuellen Spezialisierung und folglich auch eine Beschneidung des persönlichen Qualifikationsprofils.
 

3.      Spezialisierung ist durch die derzeitige Form der Erweiterungscurricula außerdem nicht möglich, weil Erweiterungscurricula oft Lehrveranstaltungen beinhalten, die mit der individuellen Schwerpunktsetzung des Einzelnen nicht vereinbar sind (will ich mich z.B. auf Nordafrika spezialisieren, sollte ich auch Lehrveranstaltungen über die Geschichte der Türkei absolvieren?). Statt Spezifizierung und vertiefendem Wissen kann durch die starr vorgegebenen Erweiterungscurricula daher nur ein oberflächliches Wissen angeeignet werden. Der verpflichtende Besuch von Lehrveranstaltungen, welche der angestrebten Spezialisierung nicht dienlich sind, wirkt sich hinderlich auf Studienverlauf und Studiendauer aus. Erweiterungscurricula behindern das Erreichen persönlicher Qualifikation.

 

4.      Erweiterungscurricula sind eigentlich dazu gedacht, dass man sich- im Sinne einer Vertiefung des Wissens -auf ein spezifisches Thema beschränken kann. Jedoch handelt es sich bei vielen Erweiterungscurricula um ein Lehrangebot, welches sich nur aus verschiedensten Einführungslehrveranstaltungen zusammensetzt.

 

5.      Anrechenbarkeit von Lehrveranstaltungen aus Zweitstudien wird verhindert. Studierende verfolgen ihre Interessen aber auch ohne Anerkennung der Leistung. Sie absolvieren Lehrveranstaltungen an anderen Instituten, die sie sich nicht anrechnen lassen können (inskribieren sich also extra dafür und scheinen an den betreffenden Instituten als Studienabbrecher auf, was sich verfälschend auf Statistiken auswirkt). Dadurch bleiben Lehrveranstaltungen dennoch überfüllt und die Studienzeit verlängert sich, weil vorgeschriebene Erweiterungscurricula UND nicht Lehrveranstaltungen, die nicht anerkannt werden, absolviert werden.

6.      Auf Punkt 3 Bezug nehmend möchten wir auf die Gruppe der Studierenden mit Studienberechtigungsprüfung hinweisen. Sie können nur innerhalb der Bachelorstudien agieren, zu welchen sie durch die SBP(rüfung) zugelassen sind. Die wahlweise Inskription auf anderen Instituten ist für sie nicht möglich. Dadurch wird ihnen die Möglichkeit genommen, beliebige LVs an anderen Instituten, ohne Anerkennung, zu absolvieren.

 

7.      Interdisziplinarität sollte besonders in der KSA gefördert werden! Denn auch bahnbrechende AnthropologInnen, wie beispielsweise Bronislaw Malinowski haben bereits innerhalb ihrer Studienzeit intensiv gelernt in verschiedenen „wissenschaftlichen Disziplinen zu denken (Philosophie, Mathematik, Physik, Psychologie, Anthropologie, Ethnologie)“ (http://www.kulturwissenschaften.de/home/6Malinowski.html, 2009).

 

Erweiterungscurricula verhindern auch einen Austausch zwischen verschiedenen Instituten und Universitäten.  Sie behindern fächerübergreifendes Denken und die Aneignung von fächerübergreifendem Wissen.

 

8.      Das Erlernen von Sprachen wird im Rahmen der EC nicht gefördert. Besonders der Spracherwerb und die aktive Sprachkompetenz kommen in den bereitgestellten Basiskursen der EC (reine Grammatik Vorlesungen ohne Übung, z.B. Basiskurs Arabisch aus dem EC Arabische Sprache und Kultur) oder in den kulturwissenschaftlichen EC, die gar keine Sprachkurse beinhalten (z.B. EC Turkologie I+II), zu kurz. Außerdem kann im Rahmen der EC auch nicht an bereits vorhandene Sprachkenntnisse angeknüpft, oder nach den Basiskursen weitere Kurse absolviert werden. Sprache ist das Medium einer jeglichen Kommunikation, Sprache konstruiert Wirklichkeit, beeinflusst Wahrnehmung. Sprache ist ein Schlüssel zu Kultur und somit ein unentbehrliches Handwerkzeug der Kultur- und Sozialanthropologie.

 

Im alten Studienplan der KSA wurde sogar ausdrücklich darauf hingewiesen, dass innerhalb der Studienzeit zumindest eine außereuropäische Sprache zu erlernen sein. Dies vermittelt und eindeutig, wie wichtig Sprachen in unserem Fachgebiet sein sollten.

 

9.      Mobilität wird unterdrückt da die im Ausland besuchten Lehrveranstaltungen nicht als freie Wahlfächer angerechnet werden können. Erasmus-Aufenthalte bedeuten daher Zeitverlust und eine Verlängerung der Studienzeit um mindestens ein Semester. Die bestehenden Erweiterungscurricula erweisen sich somit als kontraproduktiv. Hinsichtlich dieses Punktes wird deutlich, dass die proklamierte Mobilität, die durch das Bachelor/Master System angeblich angestrebt wird, nicht erreicht sondern sogar ausgegliedert wird.

 

 

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die Wirtschaftlichkeit des Bachelor in Verbindung mit den starren, in beschränkter Zahl vorgegebenen Erweiterungscurricula fragwürdig ist.

Zudem wird an proklamierten Zielen wie internationaler Mobilität und Verkürzung der Studiendauer vorbeigesteuert.